Schloss Kalkum
Die
Geschichte von Schloss Kalkum ist eng verbunden mit der Geschichte der
vormaligen Kalkumer Grundherren, sowie der frühen ansässigen Adelsgeschlechter:
Stift Gandersheim, Herren von Kalkum, Freiherren von Winkelhausen und Grafen von
Hatzfeldt. Sie sind die Bauherren, die, angefangen von den ersten Erweiterungen
des zum Königshof gehörenden Wohnhauses, über die Jahrhunderte hinweg die
heutige Schlossanlage haben entstehen lassen.

892 - 1176
Die dokumentierte Geschichte Kalkums beginnt im Jahre 892, als König Arnulf von Kärnten seinen reichen Königshof Kalkum dem an den westlichen Ausläufern des Harzes gelegenen Kanonissenstift Gandersheim schenkt.
Genauer erläutert wird die fromme Stiftung in der Gandersheimer Reimchronik des Priesters Eberhard von 1216:
Noch gaf die könnich to Gandersem
Einen riken hof, de is geheten Kalkhem;
unde sin bi deme Rine belegen.
Seit, mit düsser gift hopede er siner sele stegen
unde ok siner voreldern sele darmede.
(Außerdem gab der König an Gandersheim
einen reichen Hof, der ist geheißen Kalkum
und am Rhein gelegen.
Mit dieser Gabe hofft er seiner Seele den Weg zu bereiten
und damit auch der Seele seiner Vorfahren.)

Zu einem fränkischen Königshof gehörte zu Zeiten des Arnulf von Kärnten ein befestigtes Wohnhaus, ferner Kirche, Mühle und Fronhof, ein Ensemble, das in dieser Form - bis auf den fraglichen Standort des Fronhofs - noch heute in Kalkum anzutreffen ist.
Einen bedeutenden Teil des Kalkumer Königshofes stellte, neben der gesamten Dorfschaft, der umfangreiche Waldbesitz dar, der sich östlich des Dorfes erstreckte und bis an die Grenze von Ratingen reichte.
Der ehemalige Standort des befestigten Wohnhauses dürfte im Bereich der heutigen Schlossanlage zu suchen sein, lässt sich aber auf Grund der fortwährend veränderten Bebauung nicht mehr genau lokalisieren.
Die Vermutung geht dahin, dass das Haus und die dazugehörigen Wirtschaftsgebäude einstmals auf zwei Inseln standen, die vom Wasser des Schwarzbachs umflossen waren und nur über eine Brücke vom Dorf her begangen werden konnten.

Herren von Kalkum
1176 – 1443
Die erste Erwähnung der Herren von Kalkum geht zurück auf eine Urkunde von 1176, in der Wilhelm von Kalkum, Ministeriale der Äbtissin Hildegunde von Ahr und Meer, der abteilichen Kirche zu Meer (heute: Meerbusch) 30 Morgen Land aus seinem Hof in Seist überträgt.
Zu dieser Zeit müssen die Herren von Kalkum schon als Vögte der Gandersheimer Äbtissin amtiert haben, denn 1265 werden ausdrücklich die dem Stift von den Kalkumer Vorfahren geleisteten Dienste hervorgehoben.
Vom 13. Jahrhundert an gibt es neben der Kalkumer Linie unter anderem auch die Herren von Kalkum genannt Leuchtenberg und die Linie von Kalkum genannt Lohausen.
Bekannt geworden sind die Herren von Kalkum vor allem durch ihre Fehde mit der Stadt Köln, deren Auslöser die Hinrichtung des Luitgin von Kalkum war. Dieser hatte zusammen mit einigen Kumpanen nicht nur die Straßen um Köln unsicher gemacht, Kaufleute, Reisende und Pilger überfallen und ausgeraubt, sondern sich auch der Schiffe auf dem Rhein bemächtigt und diese geplündert. Luitgin wurde gefangen genommen, vor das Hochgericht gestellt und, da er zuvor keine Fehde angesagt hatte, zum Tod durch das Beil des Henkers verurteilt.
Der Zorn seines Vaters Arnold von Kalkum ergoss sich daraufhin über die Stadt Köln, und ebenso wie sein Sohn schindete er die Leute auf den Straßen und die Schiffer auf dem Rhein. Ein Ende fanden die Überfälle erst, als die Truppen von Stadt und Erzbischof nach Kalkum zogen und das Haus des Arnolds abbrannten. Selbst in der Vorstadt von Ratingen und im Dorf Rahm waren noch die Auswirkungen der Kriegshandlungen zu spüren.
Am Ende versöhnten sich alle Parteien miteinander und Friedrich von Saarwerden, Erzbischof von Köln, übertrug Arnold von Kalkum die Amtsverwaltung über die Grafschaft Arnsberg.
Mit dem Tod des Zeries von Kalkum, einem Verwandten Arnolds, starb die Kalkumer Linie aus. Greta von Kalkum, eine Schwester des Zeries, übertrug im Sommer 1443 der nördlich von Wittlaer ansässigen Familie von Winkelhausen den von ihren Eltern und ihrem Bruder ererbten gesamten Besitz „für eine quittierte Geldsumme erblich“.
1443 – 1739
Mit der Übertragung der Kalkumer Güter an Hermann von Winkelhausen und seine Frau Agnes von Höltze kommt die Familie von Winkelhausen nach Kalkum. Sie wird in den folgenden 300 Jahren die Geschicke des Dorfes und seiner Bewohner bestimmen.
Vom 16. Jahrhundert an stehen die Herren von Winkelhausen in Diensten des jülich-bergischen Hofes in Düsseldorf. Sie bekleiden höchste Ämter wie Bergischer Geheimer Rat, Marschall, Stallmeister, Kämmerer oder Kanzler. Ihre exponierte Stellung wird deutlich anlässlich der herzoglichen Beisetzungen von 1592 und 1628. Hier gehören sie zu den bevorzugten Adligen, die den Katafalk des Verstorbenen unter dem Baldachin begleiten dürfen.
Das Jahr 1613 ist für die Familie von Winkelhausen von besonderer Bedeutung. Am 24. Juni 1613 wandelt die Gandersheimer Äbtissin die Kalkumer Güter des Reichsstiftes in Erbenzinsgüter um und überträgt diese an die sechs Kinder des Johann von Winkelhausen und seiner Ehefrau Anna Kettler gegen die Zahlung eines jährlichen Zinses von 35 Goldgulden. Damit löst die Familie von Winkelhausen nach über 700 Jahren die Grundherrschaft des Stiftes Gandersheim in Kalkum ab.
Bedeutsam ist auch das Jahr 1653. Für ihre Verdienste um das Herzogtum Jülich-Berg erhebt Kaiser Ferdinand III. die Brüder Johann Heinrich, Wilhelm und Ludger von Winkelhausen in den Freiherrnstand. Johann Heinrich ist jül. berg. Kanzler, Wilhelm lebt als Domdechant in Osnabrück und hat an den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden teilgenommen, Ludger bekleidet neben seiner Tätigkeit am Düsseldorfer Hof auch die Stellung des Amtmanns von Bornefeld und Hückeswagen.
Unter Ludger von Winkelhausen wird die alte Wasserburg zu einer prächtigen Barockanlage ausgebaut. Dabei wurden vermutlich von 1652 an, im Zuge der ersten größeren Baumaßnahmen, die bis dahin durch einen Wassergraben getrennten Wohn- und Wirtschaftsgebäude zu einer rechteckigen Anlage zusammen gefügt. Vom Ende der Bauarbeiten kündet die Jahreszahl „1663“ im Winkelhausenschen Wappen über dem nördlichen Torportal.
Mit dem Tod des Karl Philipp von Winkelhausen im Jahre 1739, dem letzten Erben auf Kalkum, stirbt die Familie im Mannesstamm aus. Haupterbin der umfangreichen Güter wird eine Tante des Verstorbenen, Reichsgräfin Isabella von Winkelhausen. Sie ist mit dem Reichsgrafen Edmund Florenz von Hatzfeldt-Weisweiler verheiratet.

Grafen von Hatzfeldt
1739 – 1946
Nach der Übernahme der Kalkumer Besitzungen durch Edmund Florenz und Isabella von Hatzfeldt blieb Schloss Kalkum 34 Jahre lang unbewohnt. Die Eheleute hatten ihren Hauptwohnsitz in Weisweiler, lebten aber vornehmlich am kurfürstlichen Hof in Mannheim, in dessen Diensten sie standen. Erst nach der Heirat ihres Enkels Edmund Gottfried Wilhelm mit Maria Anna von Cortenbach sollte von 1773 an Kalkum Sitz der Familie von Hatzfeldt werden.
Aus dieser Zeit sind verschiedene Baumaßnahmen bekannt, u.a. die Wiederherstellung der Brücke vor dem Nordtor.
1774 wird auf Schloss Kalkum der einzige Sohn der Eheleute, Edmund Carl Eugen geboren, der als 18jähriger die Freiin Friederike von Hersell heiratet. Die Eheleute leben auf der Burg Kinzweiler, die 1782 in den Besitz der Familie gekommen war.
1795 flieht die Familie von Hatzfeldt vor den heranrückenden französischen Revolutionstruppen ins Süddeutsche. In einem großen Feldlager lassen sich die Franzosen zwischen Kalkum und Angermund nieder und richten in den Räumen des Schlosses ihr Hauptquartier ein.
Als im Januar 1806 die beiden, inzwischen verwitweten, Gräfinnen Maria Anna und Friederike mit dem 5jährigen Enkel bzw. Sohn Edmund Gottfried Cornelius nach Kalkum zurückkehren, ist das Schloss in Folge von Einquartierungen und Unwetterschäden unbewohnbar geworden.
So entsteht in den folgenden Jahren unter der Leitung von Gräfin Maria Anna in Zusammenarbeit mit dem Architekten Leydel, neben verschiedenen Reparatur-und Umbaumaßnahmen, auf der Westseite der Schlossanlage ein neues Gebäude mit repräsentativen Räumen und herrschaftlichem Eingangsportal, vor dem sich der von Maximilian Fr. Weyhe neu angelegte Park erstreckt.
Am 10. August 1822 heiratet Edmund Gottfried Cornelius auf Wunsch der Familie seine ungeliebte Verwandte Sophie von Hatzfeldt, die an diesem Tag ihren 17. Geburtstag feiert. Drei Kinder werden ihnen geboren: Alfred, Melanie und Paul. Unüberwindliche Eheprobleme führen schon bald zur räumlichen Trennung. 1851 kommt es zur Scheidung und drei Jahre später zu einem vermögensrechtlichen Vergleich, der Sophie von Hatzfeldt angemessen versorgt.
Nach dem Tod der Gräfinnen Maria Anna und Friederike im Sommer 1833 wird Kalkum nur noch sporadisch bewohnt. Alfred von Hatzfeldt, ältester Sohn von Sophie und Edmund, 1870 in den Fürstenstand erhoben, bezieht im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts noch einmal Kalkum, - dann steht das Schloss leer, bzw. einzelne Räume werden vermietet.
1946 wird Schloss Kalkum an das Land
Nordrhein-Westfalen verkauft, das hier eine Nebenstelle des Hauptstaatsarchivs
einrichtet.
Text: Rita Becker Fotos: Michael
Schmitz